Geschichte des Streichbogens

Die Entwicklung des Streichbogens von frühen Quellen bis zur modernen Form – als zusammenhängende, bebilderte Geschichte. Der historische Text ist Teil einer wissenschaftlichen Arbeit von Anke Gerbeth und gibt den Forschungsstand von 1997 wieder.

Geschichte des Streichbogens

Frühgeschichte & außereuropäische Quellen

Frühe Bild- und Textquellen erlauben nur vorsichtige Rückschlüsse auf Ursprung und Form des Streichbogens.

Die Frühgeschichte des Streichbogens wird in der Fachliteratur meist äußerst spärlich und teils widersprüchlich dargelegt. Die Gründe hierfür sind vielfältig. So wären beispielsweise Originale nur unter außergewöhnlichen physikalischen Bedingungen bis in die heutige Zeit erhalten geblieben. Ikonografische Darstellungen oder Textquellen, zumindest in der Frühzeit, dienen somit als einzige Quellen. Religiöse Einschränkungen - das Alte Testament verbot jede Abbildung von Menschen oder Dingen - kommen erschwerend hinzu. Aus ikonografischen Quellen auf den Entwicklungsstand, die handwerkliche Ausführung oder gar die spieltechnischen Eigenschaften der Bögen zu schließen, ist jedoch äußerst diffizil. Manche der abgebildeten Bögen wirken plump, andere wieder wohlausgewogen und elegant. Je nach Können und Detailkenntnis des darstellenden Künstlers müssen hier Abstriche in der genauen Beurteilung gemacht werden. So kann man beispielsweise kaum einen direkten Vergleich zwischen der Genauigkeit der Darstellung in dieser Miniatur von 1109.

und der in dem Gemälde “Geigender Mann bei Kerzenlicht” von Gerard van Honthorst von 1613 ziehen. Vorsicht sei geboten bei der genauen Analyse von Proportionen, Perspektiven und handwerklichen Details, wie Aufhängung der Haare oder Verlauf der Biegung. Auch ist es, besonders anhand der frühen Darstellungen, kaum möglich, die Länge eines Bogens genau zu messen bzw. zu berechnen. Textquellen wiederum bergen den Fehler der Übersetzung. Da aber außer den erwähnten Quellen andere kaum auszuschöpfen sind, müssen wir diese mit dem nötigen Fingerspitzengefühl betrachten.
Sucht man nach dem Ursprung des Streichbogens, muss wohl zuerst der möglicherweise aus dem Jagdbogen entstandene Musikbogen untersucht werden. Der Musikbogen, das einfachste Saiteninstrument aus der Familie der Zithern, ist ein elastischer gekrümmter Stab, der eine Sehne oder Saite spannt. Bei den Völkern Südafrikas, Südamerikas und Ozeaniens noch heute zu finden, hat er eine Länge zwischen 80 und 120 cm. In Ostafrika ist er zum Teil bis zu 3 m lang. Die Saite wird entweder mit einem Stöckchen angeschlagen oder durch das Reiben mit einem aufgerauten Stäbchen zum Schwingen gebracht. Seltener wird sie gezupft. Durch Veränderung der Bogenkrümmung (hierdurch ändert der Spieler die Spannung der Sehne und somit die Tonhöhe), Abgreifen der Saite auf den natürlichen Schwingungsknoten (Flageolett) oder durch “Stimmschlingen”, mit deren Hilfe der Musiker die Saite unterteilen und somit die Tonhöhe variieren kann, sind einfache Tonfolgen zu erzeugen.

Möglicherweise die frühesten Belege für einen Musikbogen finden sich in einer Höhlenmalerei aus der Altsteinzeit, etwa 15000 - 10000 v. Chr.. Diese Felsmalereien in den Höhlen Trois Frères (Südfrankreich) stellen tanzende, in Tierhäuten vermummte Zauberer mit Masken dar. Eine dieser Figuren, die als Bison verkleidet ist, hält einen bogenähnlichen Gegenstand in der Hand, über dessen Bedeutung sich die Fachwelt bis heute nicht einigen konnte. Da aus paläolithischen Funden bisher nur Pfeifen bekannt sind, sind sich die Experten nicht im klaren, ob es sich bei dem dargestellten Objekt um eine Längsflöte oder einen Musikbogen handelt. Hierbei ist jedoch nicht auszuschließen, daß Musikbogen im Gebrauch waren, deren Materialien jedoch die Zeiten nicht überstanden haben, also verrottet sind. Als sicher gilt, daß der Bogen als Jagdwaffe in dieser Zeit in verschiedenen Teilen der Erde eingesetzt wurde, und so geht Alexander Buchner in seinem Handbuch der Musikinstrumente in seinen Überlegungen weiter und glaubt, daß “der prähistorische Jäger die beim Schuß der Bogensehne hervorgebrachten Laute beachtete” und wahrscheinlich begann, “sie auch ohne Absicht zum Schießen anzureißen, was ihm Vergnügen bereitet haben mochte. Mit der Zeit kam er dann darauf, daß Bögen von unterschiedlicher Länge und Spannung verschieden hohe Töne von sich geben. Wenn er mit dem Mund das Bogenende zusammenpreßte, die Bogensehne spannte und beim Zupfen nach der Tonhöhe die Spannkraft abschätzte, mit der die Sehne den Pfeil abschießen würde, mußte er bemerken, daß die Mundhöhle den Ton der Sehne verstärkte. So entdeckte er wahrscheinlich unbewußt nicht nur den Resonator, sondern auch ein Musikinstrument. Der in der Höhle Trois Frères abgebildete Magier hält das obere Bogenende im Mund, mit der Linken drückt er das untere Ende an sich und mit der Rechten reißt er die Bogensehne an.” Die Qualität der Höhlenzeichnung erschwert es etwas, dieser Theorie zu folgen. Eine rechte oder linke Hand zu definieren, die die angegeben Tätigkeiten ausführen sollen, wäre sehr gewagt und spekulativ. Es könnte sich hier genauso gut um einen Jäger mit Pfeil und Bogen handeln.

Interessant für die Frühgeschichte des Streichbogens scheint für Buchner auch eine Höhlenmalerei in Nordwest-Bulgarien zu sein.

“Diese Höhlenmalerei stellt einen Musikbogen mit Streichbogen dar. Die Abbildung ist ein Bestandteil der Felsmalereien in der Rabisch-Höhle bei der Stadt Bjelogradtschik, die Komposition läßt zwei Ebenen erkennen. Die obere stellt eine Gruppe tanzender Frauen und nackter Männer dar, die sichtlich mit dunklem, ockerfarbenem Kaolin und mit dem Finger gemalt sind. Das feuchte Mikroklima der Höhle hatte die Felsoberfläche ausgewaschen und zerstört, die Farbe aber wirkte als schützende Isolationsschicht und unterlag den Erosionseinflüssen nicht. So hatten sich die Bilder in ein plastisches Relief verwandelt – die Natur selbst verewigte so die Originalmalerei und bewies deren Echtheit. Die Zentralfiguren des unteren Gemäldeteiles sind zwei Musiker. Einer hält einen Bogen in lotrechter, ihm zugewandter Lage in der Linken, mit der Rechten scheint er die Bogensehne mit einem Streichbogen oder einem Reibstab zum Klingen zu bringen. Die zweite, hier nicht abgebildete Figur trägt eine Zweimembranentrommel auf der Brust und schlägt sie mit beiden Händen. Obgleich dieser Fund noch nicht genauer untersucht und auch noch nicht datiert worden ist, darf man über seine ungeheure Bedeutung für die Instrumentenkunde schon jetzt Überlegungen anstellen.”

Sollte eine genauere Untersuchung dieser Malerei deren Echtheit bestätigen und die Interpretation der Darstellung eines Streichbogens in diesem “Gemälde” sich erhärten, so liegt hier, auch wenn eine genaue Datierung der Entstehung dieser Felszeichnung noch nicht erfolgte, eine der frühesten Darstellungen eines Streichbogens vor. Es könnte sich hier jedoch auch um die versehentlich spiegelverkehrte Darstellung eines Jagdbogens mit dem dazugehörigen Pfeil handeln. Anhand der bei Buchner abgebildeten Skizze dieser Höhlenmalerei wäre eine weiterführende Interpretation zu gewagt.

Historische Darstellung eines frühen Musikbogens
Historische Darstellung eines Bogenschützen beziehungsweise Musikbogens

Ein Beleg für das Vorkommen des Musikbogens in Südafrika sieht Buchner in einer Felsmalerei im südafrikanischen Cape Town.

Ein Buschmann hält in der rechten Hand einen, von den anderen auf der Darstellung zu sehenden sieben Bögen in der Schweifung unterschiedlichen, Bogen. Ein Köcher mit Pfeilen liegt ihm zu Füßen. In der Tat könnte die dargestellte Person eine musikalische Handlung verrichten. Ist dies jedoch mit der von Buchner vorgebrachten Eindeutigkeit zu belegen und geht er mit der Äußerung: “Ein Buschmann hält den Bogen in der rechten Hand und berührt mit ihm die Bogensehnen von sieben weiteren Bögen.” und seiner Schlussfolgerung auf eine höhere Entwicklungstufe, “auf der sieben Bögen ein einziges Instrument bilden, während der Bogen in der Rechten des Musikers bereits die Funktion des heutigen Streichbogens übernommen hat”, nicht etwas weit?
Könnte hier nicht auch ein Jagdbogenmacher dargestellt sein, der mehrere fertige Bögen vor sich liegen hat und gerade die Sehne eines neuen Bogens spannt? Weshalb liegt sonst im Vordergrund ein Pfeilköcher? Auch hier ist eine Interpretation dieser Quelle in Richtung instrumentenkundlicher Funde nicht eindeutig.
Für das Vorkommen von Streichinstrumenten in den Hochkulturen Mesopotamiens, Ägyptens, Judäas sowie in Griechenland und dem Italien der Etrusker finden sich keine Belege. Hier waren Idiophone und Aerophone sowie Chordophone im Gebrauch, deren Saiten jedoch ausschließlich gezupft oder mit Plektren aus Holz, Bein oder anderen Materialien angeregt wurden.
Gelegentlich erscheinen in der Literatur Hinweise auf den Gebrauch von Streichinstrumenten zur Zeit der Entstehung der Bibel. So wird im Brockhaus/Riemann Musiklexikon unter dem Stichwort Geige u.a. erwähnt, dass Luther eine entsprechende Textstelle in 1. Sam. 8, 6, 1523 fiddeln, 1534 geygen übersetzt. Hier läge ein wichtiger Anhaltspunkt für das sehr frühe Vorkommen von Streichinstrumenten vor. Bei genauerer Untersuchung des hebräischen Urtextes wird man erkennen müssen, dass bei Luther ein Übersetzungsfehler vorliegt. Es kann sich hier nicht um ein Streichinstrument handeln. Neuübersetzungen sprechen vielmehr von “Handpauken … und Zimbeln” bzw. wird vom “Klang der Lauten und Tamburine” berichtet. Damit kann dieser Beleg nicht als Beweis für die Entwicklung des Bogens herangezogen werden, zeigt aber den Stellenwert des Instrumentes bzw. der Instrumentengruppe um 1530.
Ein sehr frühes, heute noch im asiatischen Raum bei buddhistischen Mönchen zu findendes Streichinstrument ist das Ravanastron. Um dieses Instrument rankt sich die Legende, dass es von Ravana, dem König von Ceylon, der um 5000 v. Chr. regiert hat, erfunden worden sein soll. Über den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ist jedoch nichts bekannt. Es ist aber überliefert, dass das Instrument mit Harz eingeschmiertem Rosshaar gespielt wurde.
Erste stichhaltige Hinweise auf Streichinstrumente im mittelasiatischen Raum finden sich in Schriftstücken bedeutender Gelehrter, wie al-Farabi (950), Ibn Sina (1037) und Ibn Saila (1048). Bei der Klassifizierung des Musikinstrumentariums in ihren Schriften werden Chordophone erwähnt, “deren Saiten man dadurch zum Klingen bringt, dass man sie mittels anderer Saiten oder irgendwelcher saitenähnlicher Gebilde reibt”. Durch diese Schriftstücke lokalisiert Werner Bachmann den Ursprung des Streichbogens nachvollziehbar in Mittelasien.

Auf dieser Wandmalerei aus dem 9. oder 10. Jahrhundert ist deutlich eine Person zu sehen, die ein Streichinstrument spielt. Diese Wandmalerei wurde bei Ausgrabungen eines Palastes in Tatschikistan entdeckt. Da dieser Palast im 11. Jahrhundert zerstört und die Wandmalerei Ende des 10. Jahrhunderts übertüncht wurde, muss dieser Bildbeleg spätestens im 10. Jahrhundert entstanden sein.

Frühe Darstellung eines gestrichenen Saiteninstruments

Im China des 9. Jahrhunderts sind zwei Streichinstrumente bekannt: xiqin, eine zweisaitige Laute, die mit einem Bambusbogen zwischen den Saiten gestrichen wird und yazheng, eine siebensaitige Streichzither, die zwischen den Saiten mit einem Bambusbogen gerieben wird. Das Instrument xiqin könnte so ähnlich ausgesehen haben, wie die noch heute gebräuchliche chinesische Geige erh-hu.
Einer der frühesten Belege von Streichbogen in Europa ist in einer Handschrift der Madrider Nationalbibliothek (um 920 – 930) zu finden. In ihr werden Fideln mit Bogen in der Hand von Spielleuten dargestellt. Bachmann beschreibt den Weg des Bogens nach Europa anhand von Miniaturen byzantinischer Handschriften aus dem 11. Jahrhundert. Demnach “wurde der Bogen über Spanien und Byzanz nach Europa eingeführt und auf die in diesem Raum heimischen fidel- und leierförmigen Instrumententypen, die hier bereits vorher als Zupfinstrumente nachweisbar sind, in Anwendung gebracht.”

All diese Bögen waren mit Rosshaar oder einem saitenähnlichen Material bespannt. Die Bogenformen und -längen waren in dieser Frühzeit der Streichinstrumente sehr unterschiedlich und noch keiner Norm unterworfen. Auffallend ist jedoch, dass die Bögen in der Anfangszeit zum großen Teil sehr stark konvex gebogen sind, also eher an die ebenso genannte Waffe erinnern.

Der Streichbogen im europäischen Mittelalter

Mit der europäischen Überlieferung verdichten sich die ikonografischen Quellen und die Formen werden besser vergleichbar.

Die in Frankreich beheimatete Streichrotte, die vom 11. bis 13. Jahrhundert Verwendung fand, hat ihr Gegenstück im walisischen Crwth. Als Zupfinstrument wird dieses Crwth bereits 609 erwähnt. Das Crwth war bis in die Bretagne verbreitet, Belege für den Gebrauch des Bogens bei diesem Instrument gibt es seit dem 10. Jahrhundert.

Bei Grabungen in Dublin am Christchurch Place fand man das Fragment eines Streichbogens aus dem 11. Jahrhundert. Die Stange “verläuft von der Bruchstelle an leicht geschwungen und zur Spitze zu deutlich gekrümmt, wo sie eine Kerbe aufweist. An der eingekerbten Stelle wurde offensichtlich der Rosshaarbezug um die Stange geschlungen und verknotet.” Stimmt die Datierung, ist die Verbreitung der Streichinstrumente in dieser Zeit bis hin auf die Insel Irland belegt.

Auch in Italien ist die Verwendung des Streichbogens bereits im 11. Jahrhundert bezeugt. “Zu den frühesten italienischen Quellen zählt die um 1011 entstandene Freskomalerei in der Krypta von S. Urbano alla Caffarello bei Rom. Es handelt sich um eine Darstellung der Verkündigung der Weihnachtsbotschaft an die Hirten auf dem Felde […]. Einer der Hirten, offensichtlich in Tanzpose, spielt eine Fidel, die er gegen die Brust gestemmt hat.” Der abgebildete Bogen ist sehr kurz und besitzt zusätzlich ein Griffende, wodurch das spielbare Haar noch kürzer wird.

Im 10. und 11. Jahrhundert wurden die unterschiedlichsten Streichbogentypen erprobt und, soweit sie sich nicht bewährten, wieder verworfen oder verändert. “Dieses Suchen und Tasten nach einer zweckmäßigen Form deutet darauf hin, daß sich der Streichbogen damals noch in seinem Frühstadium befand und nicht auf Vorbilder zurückgreifen konnte.”

Noch bis zum 16. Jahrhundert existieren einige Bogenformen nebeneinander. Wie oben erwähnt, hat die ikonographische Forschung ergeben, daß der Streichbogen um die Jahrtausendwende in sehr unterschiedlichen, oft extremen Formen in Erscheinung trat. Es existiert der große, stark gekrümmte, nahezu halbkreisförmige Bogen, der etwa in der Mitte der Stange festgehalten wird, wie auch der flache, kaum gewölbte Bogen, dessen Bezug fast an der Stange anliegt.

Historische Entwicklung unterschiedlicher Streichbogenformen

Vom 16. zum 17. Jahrhundert

Instrumente, Spielweisen und Bogenformen differenzieren sich; die Entwicklung beschleunigt sich.

Lucas van Leyden, Geigende Bettlerin, 1524

In einer Darstellung von Lucas van Leyden “Geigende Bettlerin” von 1524 ist der Bezug an die gebogene Stange aus einheimischem Holz geknotet.

Ein Kopf ist in dieser Zeichnung nicht dargestellt. Vielmehr sind die Haare zu einer Schlaufe gebunden und in einer Kerbe oberhalb einer Verdickung der Stangenspitze eingehängt. Ein Frosch ist an diesem Bogen nicht zu erkennen, bei genauerer Betrachtung sind die Haare jedoch kurz oberhalb des Zeigefingers mit einer Schlaufe an der Stange direkt befestigt. Um die Haare beim Spielen von der Stange entfernt zu halten, ist der Bogen leicht konvex gekrümmt.

Neben dem gleichmäßig gekrümmten Rundbogen findet man auch einendig gekrümmte Bögen mit gerader, nur an der Spitze deutlich gebogener Stange. Weiters existiert eine Bogenform, bei der die Stange auf einer Seite weit über den Bezug hinausragt. Dieser als Handgriff dienende Teil ist bei frühen Exemplaren etwa genauso lang wie der bezogene Teil, der zum Streichen dient. Das spielbare Haar ist hier sehr kurz. Dadurch sind nur sehr kurze Strichbewegungen möglich.
Andere Darstellungen zeigen jedoch sehr flach gebogene Stangen, deren Länge sich oft auf das doppelte des dazugehörigen Instrumentes beläuft. Bei diesen fast geraden oder auch zum Teil konkaven Bögen wird das Haar an der Griffstelle durch einen oft recht hohen Klotz oder Keil, der heute als Frosch bezeichnet wird, von der Stange getrennt. Am anderen Ende laufen Haar und Stange jedoch zusammen. Im Gegensatz zu den später auftretenden Bögen, sind hier Klotz und Stange oft aus einem Stück oder fest miteinander verbunden. Auch bei diesen Bögen ist noch nicht die vollständige Länge der Haare zum Spielen geeignet. Dieses Problem wurde erst gelöst, als am oberen Ende des Bogens ein sogenannter Kopf aus dem Holz der Stange stehengelassen wurde, der das Haar von der Spitze fernhielt.
Zur Herstellung der Bogenstange verwendete man schon im Mittelalter vorwiegend Holz, das große Festigkeit mit Elastizität verbinden musste, um die erforderliche Spannung auszuhalten, wie z.B. Buchen-, Lärchen- oder Palmenholz. Vereinzelt kann man auf Darstellungen des 13. und 14. Jahrhunderts, aus Gebieten mit orientalischem Einfluss, Stangen aus Bambusrohr erkennen. Noch heute ist dieses Material für den Bau von Bögen für ostasiatische Volksinstrumente üblich. Im mittelalterlichen Europa ist dieses Material zur Bogenherstellung jedoch nicht nachzuweisen.
Ab dem 13. Jahrhundert zeugen die Quellen häufig von Rosshaarbespannungen, während noch im 10. Jahrhundert, al-Farabi zufolge, wie oben bereits angedeutet, der Bezug aus “Saiten oder saitenähnlichen Gebilden” bestand. Zur Bogenherstellung und über die Stärke des Rosshaarbezuges ist gegen 1400 in einem türkischen Traktat des Ahmedoglu Sükrüllah zu lesen: “Und die Rosshaare soll man an jenem Bogen befestigen wie Bogensehnen. Die Anzahl jener Rosshaare soll neun betragen; und wenn es aber mehr als neun sind, geht es an; es sollen jedoch nicht mehr als vierzig sein.” Der Bezug war damals also in der Regel sehr viel schwächer als der heute gebräuchliche, welcher für einen Violinbogen etwa 160 - 180 Haare zählt.

Bei diesem hier abgebildeten italienischen Streichbogen aus dem 16. Jahrhundert sieht man sehr deutlich die Befestigung der Haare direkt an der Stange. Das untere Stangenende ist möglicherweise beschnitten, der Steckfrosch eine spätere Ergänzung. Im Gegensatz zur Violine, deren Qualitäten sich meist durch Umbau für den jeweils neuen Geschmack verändern ließen, wurde der Bogen, war er aus der Mode gekommen, beiseite gelegt. Vielleicht wurde er zum Heizen oder als Tomatenstock im Gemüsebeet verwendet. Es war leichter, einen neuen Bogen herzustellen, als den alten so umzubauen, dass er den neuen Erfordernissen entsprach. Die aus dieser Zeit und später erhaltenen Spielmannsbogen, die hauptsächlich zur Tanzmusik Verwendung fanden, sind aus einheimischen Hölzern, wie Lärche, Weide oder Buche - oder hier Palmenholz - gefertigt. Diese Hölzer sind nach heutigen Gesichtspunkten viel zu weich und zu leicht, da sie eine sehr geringe Dichte haben.

Etwa um 1650 entwickelte sich ein hechtförmiger Kopf, in dem die Haare mit einem Keil befestigt werden konnten und der die Haare an der Spitze von der Stange fernhielt.

Noch Anfang des 17. Jahrhunderts war die Stange leicht konvex gebogen oder nahezu gerade. Das Haar wurde am unteren Ende durch einen herausnehmbaren Keil von der Stange ferngehalten. Aufgrund dieses insteckbaren Frosches wird dieser Bogentyp auch Steckfroschbogen genannt. Bei den Steckfroschbogen ließ sich die Spannung der Haare noch nicht durch einen Mechanismus verändern. Man konnte ihn anspannen oder abspannen, jedoch nicht feinregulieren. Das Pferdehaar ändert aber je nach Luftfeuchtigkeit und Temperatur seine Länge, so war der Bogen wohl mal straffer, mal schlaffer gespannt. Im Gegensatz zur Gambe, bei der der Bogen im Untergriff gehalten wird und somit Mittel- und Ringfinger die Haare von der Stange wegziehen können, ist eine derartige manuelle Haarspannung beim Obergriff des Geigenbogens nur bedingt mit dem Daumen möglich. Heute wird vermutet, dass man damals schon Mittel zur Modifizierung der Haarspannung des Violinbogens gesucht hat und zusätzlich Keilchen oder Stücke von Darmsaiten zwischen Bezug und Frosch geklemmt hat, wenn die Haare zu schlaff am Bogen hingen. Nach dem Musizieren hat man den Frosch herausgenommen, damit sich die Haare erholen konnten.

Historischer Streichbogen mit hechtförmigem Kopf
Historischer Steckfrosch in Unteransicht
Historischer Steckfrosch in Seitenansicht

Besonders deutlich ist der Steckfroschmechanismus bei einem Viola d’amore-Bogen aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu erkennen. Dieser gehört zu einer Viola d’amore, die von Caspar Stadler 1714 in München gebaut wurde. Ob der Bogen auch aus der Hand dieses Meisters stammt, ist leider nicht bekannt. Diese qualitativ hochwertige Arbeit ist aus einem sehr dunklen tropischen Holz gefertigt. Am Stangenende und auch im Frosch ist der Bogen mit Silberstiften, reich verziert.

Hier sieht man sehr deutlich wie die Haare nicht wie heute üblich im Frosch, sondern in der Stange verankert sind. Sie haben sich vielleicht schon mal gefragt, wie der Frosch zu seinem Namen kam? Es gibt mehrere Vermutungen. Seine Bezeichnung könnte von seiner Form herrühren, die bei manchen älteren Bogen durchaus Ähnlichkeiten mit einem sitzenden Frosch hat. Geht man zum etymologischen Ursprung des Wortes Frosch, so findet man unter der Form froska: hüpfen- sprang dem Musiker der Keil beim Herausnehmen wie ein hüpfender Frosch davon? Oder hängt sein Name vielleicht mit dem französischen „hausse“ zusammen, das so viel bedeutet wie: Keil oder Unterlage und im französischen Handwerk sehr verbreitet ist. Durch eine Lautverschiebung (…) könnte so der „Frosch“ daraus geworden sein. Damals wie heute hat der Frosch die Funktion, im unteren Bereich des Bogens die Haare von der Stange fernzuhalten.

Manche der Bogen, die aus dem 17. Jahrhundert erhalten sind, haben ein plumpes Aussehen. Sie wurden wahrscheinlich von fahrenden Spielleuten benutzt und sind, wie oben bereits angedeutet, meist aus einheimischen Hölzern hergestellt. Andere jedoch sind sorgfältig und kunstvoll ausgeführt. Die runde oder achteckige Stange war manchmal in der oberen Hälfte kanneliert.

Dabei wurde in Rillen Material so aus der Stange heraus gearbeitet, dass sie anschließend im Querschnitt die Form einer griechischen Säule annahm. Dies hatte zum einen ästhetische, zum anderen spieltechnische Gründe. Der Gleichgewichtspunkt des Bogens verschob sich so in Richtung Frosch. Der Bogen wurde oben leichter ohne in gleichem Maß an Spannkraft zu verlieren.

Die besten Spieler müssen solche Bogen benutzt haben. Sie sind gut verarbeitet und für die musikalischen Anforderungen der Zeit außerordentlich leistungsfähig. Wir kennen diesen Bogentyp auch als Corelli- oder Tartinibogen. Es ist anzunehmen, dass diese beiden Musiker, die für die Violinmusik so Hervorragendes geleistet haben, im Besitz solcher Bogen waren. Es gibt jedoch leider keine genauen Hinweise darüber, ob sie direkt am Entwicklungsprozess beteiligt waren. Von ihnen wird zwar berichtet, dass sie jeweils einen längeren Bogen benutzt haben als ihre Vorgänger, Tartini soll außerdem die Kannelierung der Stange eingeführt haben. Gesicherte Belege gibt es hierfür jedoch nicht. Die Geiger und Komponisten Arcangelo Corelli (1653-1713) und Giuseppe Tartini (1692-1770) wurden auch durch ihre Kompositionen von Violinsonaten berühmt. Der Bogentyp, der zu ihrer Zeit in Gebrauch war, wird deshalb heute auch italienischer Sonatenbogen genannt. Für diese hochwertigen Streichwerkzeuge wurden die besten vorhandenen Materialien verwendet. Beliebtes Holz war das sogenannte “Schlangenholz”, es wurden jedoch auch andere, äußerst harte, meist tropische Hölzer, wie Massaranduba, Eisenholz, Ebenholz, Blauholz, etc. verarbeitet. Inventarlisten belegen, dass für einen solchen Bogen aus “indianischem Holze”, also Überseeholz, ein Vielfaches des Preises eines einfachen Bogens aus “ordinärem” Holz zu bezahlen war.

Das 18. Jahrhundert

Neue musikalische Anforderungen führen zu grundlegenden Veränderungen von Form, Länge, Gewicht und Konstruktion.

Noch 1750 waren im deutschsprachigen Raum hauptsächlich Steckfroschbogen in Gebrauch. In Leopold Mozarts “Versuch einer gründlichen Violinschule” 1756 werden in den aufgeführten Darstellungen ausschließlich Bogen mit diesem Mechanismus gezeigt. Auf Darstellungen der Zeit ab 1650 tauchen jedoch gelegentlich Knöpfe am Stangenende aus Holz, Horn oder Elfenbein auf. Sie könnten nur zur Verzierung angebracht worden sein, Gegengewichte zur Schwerpunktregulierung gewesen sein oder aber als Schraubenknöpfe gedient haben. Es wird in der Literatur jedoch nirgends eine Vorrichtung erwähnt, mit der ein Spannen oder Lockern der Haare möglich gewesen wäre. Hätte eine solche existiert, wäre es ein seltsames Zusammentreffen und Versehen gewesen, wenn die beiden umfassendsten Berichterstatter über die Instrumente der Zeit, Mersenne und Praetorius, nichts darüber gesagt hätten. Diese gedrechselten Teile dienten also als Gewichtsausgleich für die zu dieser Zeit teilweise sehr langen Bogen. Wir sehen heute die Entstehung der ersten Schraubfroschbogen um 1720 - 30.

Im Wiener Kunsthistorischen Museum liegt eine Violine, die ganz aus Schildpatt und Elfenbein gefertigt wurde. Zu diesem von einem Kastenschreiner namens Wenzel Kowansky in Prag gefertigten und 1749 der Kaiserin Maria Theresia geschenkten Instrument gehört ein ebenfalls aus Schildpatt und Elfenbein gefertigter Bogen. Dieser Bogen ist von außergewöhnlicher Schönheit und aus handwerklicher Sicht bemerkenswert. Für den Gebrauch als Streichbogen ist er durch die Verwendung dieser Materialkombination jedoch völlig ungeeignet. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass dieser Bogen kaum oder nie gespielt wurde und sich daher noch im Originalzustand befindet. Es handelt sich hier wohl um den ersten, nicht umgebauten, datierbaren Violinbogen mit Schraubfroschmechanismus.

Historisches Streichinstrument mit zugehörigen Bögen

Die Haare sind bei diesem Bogen im Frosch befestigt, laufen um den Frosch herum und sind oben an der Froschhinterseite im Frosch mit einem Keil gehalten.

Der Weg zum modernen Bogen

Die Entwicklungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts führen zur Form des modernen Streichbogens.

Der Zeitraum von 1770 bis 1800 war geprägt von großen politischen Veränderungen, die schließlich ihren Höhepunkt in der französischen Revolution (1789) fanden. Diese Veränderungen hatten auch großen Einfluss auf das Musikleben der Zeit. Während die gehobene Kunstmusik bisher fast ausschließlich an adeligen Höfen oder in Kirchen zur Aufführung kam, die Musiker von ihren Herren abhängig waren und so die Musik nur einem kleinen Kreis von Zuhörern zugänglich war, fanden die Konzerte nun in bürgerlichen Konzertvereinen statt. Mit der steigenden Zahl des bürgerlichen Publikums wurden auch die Räume größer, in denen musiziert wurde. Diese neuen großen Konzertsäle wollten mit Klang erfüllt werden. “Ausgehend von Paris begannen Geigenmacher wie Pique und Lupot bei den neuen, wie auch bei den hervorragenden alten Instrumenten, Veränderungen an Halswinkel, Halslänge, Steg und Bassbalken vorzunehmen, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Auch der Bogen entwickelte sich weiter. Insgesamt gesehen wird die Stange wiederum etwas länger, höhere, stärkere und dadurch auch schwerere Froschformen werden ausprobiert und auch der Kopf wird höher und massiver. Auch der Haarbund wird durch die größere Anzahl der verwendeten Haare etwas breiter. Es entsteht der sogenannte Cramer-Bogen, der auch häufiger als Übergangsmodell bezeichnet wurde und wird. Durch den schweren, großen Kopf wandert der Gleichgewichtspunkt mehr zur Bogenmitte. Nach modernen Gesichtspunkten sind Bogen im Cramer-Modell sehr kopflastig. Der hohe Kopf gewährleistet jedoch einen großen Abstand der Haare von der Stange, was wiederum jetzt eine tiefere konkave Biegung der Stange möglich werden lässt. Die Haare können nun straffer gespannt werden. Bogen dieses Typs finden wir in dem Zeitraum von 1770-1800 in ganz Europa, die frühesten Beispiele nachweisbar in Frankreich.” Seine größte Beliebtheit erfuhr dieser Bogentyp zwischen 1772 und 1792. Eine große Anzahl von Bogenmachern reagierte auf die große Nachfrage. So bauten z. B. Tourte L., Lafleur und Bogenmacher der Familie Meauchand in Frankreich solche Bogen. In England wurden sie unter anderem von den Bogenmachern Edward und John Dodd oder von Mitarbeitern der Firmen Forster oder Norris & Barnes gefertigt. Auch in Deutschland erfreute sich dieser Bogentyp großer Beliebtheit. Auf der Fotografie ist ein sehr eleganter und ausgereifter Bogen dieses Modells zu sehen. Er entstand zwischen 1780 und 1790 und ist mit dem Namen MEAUCHAND gestempelt.

Die Probleme des Cramer-Modells, z.B. dessen Kopflastigkeit, führten zu weiteren Veränderungen am Violinbogen. Fétis nennt diese neue Entwicklungsstufe Viotti-Bogen. Dieser bedeutende italienische Musiker lebte seit 1781/82 für einige Jahre in Paris. Auch wenn keine schriftlichen Belege dafür existieren, kann man davon ausgehen, dass dieser Geiger zu der Werkstatt der bedeutendsten Bogenmacherfamilie am Ort, die der Familie Tourte, Kontakt hatte. Hinweise zur Verbesserung des Violinbogens wurden offenbar sehr ernst genommen, was an der ausgeprägten Vielfalt der Bogen aus dieser Werkstatt zu belegen ist. Gerade anhand der mit Tourte L. gestempelten Bogen kann man die kontinuierliche, über eine Generation dauernde Entwicklung hin zum modernen Bogen dokumentieren. Die wesentlichen Veränderungen, die neben anderen Experimenten ausgeführt wurden, waren die Reduzierung des Gewichtes des Kopfes durch Weglassen des hinteren Teiles und die Stabilisierung des Haarbezuges am Frosch durch Metallring und Breitmachkeil. Die Einführung von Metallteilen an Frosch und Schraube gab dem Bogen am Griffende mehr Gewicht, wodurch das Problem der Kopflastigkeit der Bogen gelöst wurde. Mehr Spannung erhielt der Bogen durch eine tiefere Biegung der Stange. Über den Meister, der seine Bogen mit “Tourte L.” stempelte, sind weder die Geburts- noch Sterbedaten bekannt. Ein wenig mehr wissen wir über François Xavier Tourte, der von 1747-1835 lebte. Er erlernte zunächst das Handwerk des Uhrmachers und arbeitete ab ca. 1770 in der Werkstatt Tourte. Der Umgang mit Metall war ihm von seiner Ausbildung zum Uhrmacher vertraut. Er war es, der höchstwahrscheinlich die Metallarbeiten in den Bogenbau einführte und diese zu einer unübertroffenen Meisterschaft brachte. Seit Tourte haben sich die Grundmaße des Violinbogens nur unwesentlich verändert. Die Stangenlänge seiner Bogen liegt bei 27 ½ pouces (74,4 cm) inklusive der Bogenschraube, dem sogenannten Beinchen.

François Tourte

Bei diesem Bogen handelt es sich um eine frühe Arbeit von F.X. Tourte. Der Kopf zeigt schon alle Züge eines modernen Bogens. Der Frosch besitzt bereits einen Froschring, das Haarlager ist mit einem Perlmuttschub abgedeckt. Die Verzierungen an den beiden Froschseiten sind ebenfalls in Perlmutt ausgeführt. Die Stangen, die Tourte verwendete sind nun ausschließlich aus Fernambukholz, einem Material, das Stärke mit Elastizität ideal verbindet, hergestellt. Auch heute werden aus diesem Material alle hochwertigen modernen Bogen gemacht. Durch den durch Tourte angebrachten Froschring aus Metall war der auf 10 mm verbreiterte Haarbund von einem manchmal nahezu runden Bündel zu einem breiten Band geworden. Der Frosch ist nicht immer nur aus Ebenholz gefertigt, sondern kann auch aus den edlen Materialien Elfenbein oder Schildpatt hergestellt und teilweise mit einem Zwickel aus Metall gegen Risse und Absplitterungen geschützt sein. Auch das Beinchen ist mit Metall gefasst. François Tourte führte die handwerklichen Arbeiten mit einer Präzision aus, die heute noch Staunen hervorruft. Generationen von Bogenmachern nach ihm versuchten, und versuchen noch heute, sein Modell zu kopieren. Tourte gehörte noch zu den Bogenmachern, die ihre Stücke nicht immer am Stangenende signierten. Dank seines großen Erfolges fand er schnell Nachahmer, die Bogen nach seinem Modell herstellten. Zunächst waren diese in Paris zu finden später auch in England, Deutschland und Russland.